Geschichte

Die Variolation: eine erste Form der Impfung

Die Impfung als Krankheitsvorbeugung geht bereits 2‘000 Jahre zurück und hat ihren Ursprung in China und im Nahen Osten. Das Ziel war damals, einer gefürchteten Pockeninfektion vorzubeugen. Dazu entnahm man Material aus den Pusteln erkrankter Personen, verarbeitete dieses zu einem Pulver, welches dann in die Nase von noch nicht Erkrankten eingebracht oder in deren Haut eingeritzt wurde. In den Pusteln befanden sich abgeschwächte Pockenviren, welche beim Variolierten nur deutlich abgeschwächte Symptome der Krankheit hervorrufen sollten. Die Sterberate dieses Prozesses lag zwischen 2 bis 3 Prozent und war damit noch immer geringer als bei einer natürlichen Pocken-Infektion. Das Problem bei diesem Vorgehen war, dass andere Krankheitserreger wie Syphilis und Tuberkulose übertragen wurden. Diese präventive Massnahme war empirisch, ohne den Erreger oder den Wirkmechanismus zu kennen. Heute können wir dieses Verfahren als aktive Immunisierung mit einem Lebendimpfstoff ansehen und bezeichnen es als Variolation (lat. variola = Pockenviren).

Dass die Variolation im 18. Jahrhundert ihren Weg nach Europa fand, ist der englischen Schriftstellerin Lady Mary Wortley Montagu zu verdanken. Sie beobachtete das Verfahren während eines Aufenthaltes in Konstantinopel und liess 1717 ihren Sohn und 1721 ebenfalls ihre Tochter variolieren. Sie brachte dann das Wissen der Variolation nach England. Nachdem die Variolation in England an 6 Gefängnisinsassen und 6 Waisenkindern getestet wurde, gestattete König Georg I. diese Technik und liess sie sogar bei seinen Enkeln anwenden. Auch Katharina die Grosse, ihre Söhne und Enkel wurden später varioliert. Über die Jahre verbreitete sich die Variolation in Europa und Amerika. Den Überlieferungen zufolge liess George Washington ab den 1770er-Jahren seine Rekruten variolieren.

Ab ca. 1800 wurde die Variolation durch die Vakzination ersetzt. In England wurde sie 1840 gesetzlich verboten.

Die Vakzination: Krankheitsprävention mit weniger Nebenwirkungen

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts galt die weitverbreitete Meinung, dass Melkerinnen, welche sich mit Kuhpocken infiziert hatten, danach gewöhnlich nicht an den gefährlicheren menschlichen Pocken erkrankten. Ausserdem wurde beobachtet, dass Menschen, die sich mit Kuhpocken infizierten, auf eine spätere Variolation gegen Pocken keinerlei Reaktion zeigten. Der englische Arzt Edward Jenner stellte daher die Hypothese auf, dass das Einbringen von Kuhpocken in den menschlichen Organismus eine Immunität auch gegen menschenspezifische Pocken hervorruft. Am 14. Mai 1796 impfte er den 8-jährigen Jungen James Phipps mit Kuhpockenviren, die er aus einer Kuhpockenpustel einer Hand der an Kuhpocken erkrankten Milchmagd Sarah Nelmes entnommen hatte. Als der Junge 6 Wochen später mit humanen Pockenviren varioliert wurde, war er immun dagegen. Da Jenners Versuch mit Kuhpockenviren durchgeführt wurde, nannte er sein Verfahren vaccine  (lat. vaccinus = von der Kuh stammend).

Aufgrund seiner Ergebnisse schloss Jenner, dass durch seine Methode eine lebenslange Immunität ermöglicht werde, sie durch Arm-zu-Arm-Kontakt von Person zu Person verbreitet würde und dass inokulierte Kuhpocken niemals tödlich seien, höchstens lokale Pusteln nach sich ziehen. Somit sei das Verfahren mit Kuhpocken viel sicherer als die Variolation mit humanen Pocken. Jenner behielt aber nicht in allen seinen Beobachtungen Recht.

Jenners Methode wurde von der Öffentlichkeit sehr positiv aufgenommen und sogar Napoleon liess seine Soldaten impfen. Obwohl Napoleon mit England im Krieg war, honorierte er Jenner 1804 mit einer Ehrenmedaille. Er sah Jenners Methode als eine der grössten Errungenschaften der Menschheit an und entliess sogar zwei Freunde Jenners auf dessen Bitte hin aus der Gefangenschaft.

Die Impfgeschichte der Schweiz

Auch die Schweiz blieb von den Pocken nicht verschont. In Genf wird seit dem 16. Jahrhundert für jeden Verstorbenen die Todesursache erfasst. Aus diesen historischen Daten geht hervor, dass die Pocken bis ins 18. Jahrhundert durchschnittlich für 7% aller erfassten Todesfälle verantwortlich waren. Im Spitzenjahr 1634 wurden die Pocken gar für 52.2% aller Genfer Todesfälle verantwortlich gemacht. 

Auch in der Schweiz hörte man von Jenners Vakzination und praktizierte diese. Der Erfolg der Pocken-Impfung legte dann den Schritt zur gesetzlichen Impfpflicht nahe, welche in einigen Kantonen bis in die 1860er-Jahre eingeführt wurde. 1882 kam das Impfobligatorium im Rahmen des Epidemiengesetzes zur eidgenössischen Volksabstimmung und wurde mit fast 80% verworfen. 1883 setzten Impfgegner die Aufhebung des Impfzwangs in allen Kantonen durch. Die letzte Pockenepidemie in der Schweiz wurde zwischen 1921 und 1925 registriert, wobei 14 Personen starben. Seit 1933 wurde in der Schweiz kein Pockenfall mehr gemeldet.

Die Pockenimpfung: eine Erfolgsgeschichte

Noch in den 1950ern und 1960ern gab es einige Pockenepidemien in Europa. 1967 sagte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Pocken den endgültigen Kampf an und führte eine weltweite Impfpflicht ein, welche durch grossangelegte Impfkampagnen durchgesetzt wurde. Als letzte Person, welche sich auf natürliche Weise mit dem Pockenvirus ansteckte, gilt der damals 23-jährige Somalier Ali Maow Maalin. Ende November 1977 verliess er als geheilter Mann das Krankenhaus. Offiziell existieren Pockenviren seit dann weltweit nur noch in zwei Laboratorien für Forschungszwecke. 1978 infizierte sich ein Labormitarbeiter mit den Viren und starb daran. Dies war der letzte Pockenbedingte Todesfall. 1980 erklärte die WHO die Pocken als ausgerottet.